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Ehrendoktor für Putin Verleihung in Hamburg geplatzt

Die umstrittene Verleihung der Ehrendoktorwürde an Russlands Präsidenten Wladimir Putin endet im Eklat. Die Uni Hamburg hat die für den 10. September geplante Veranstaltung abgesagt - aus terminlichen Gründen, wie es offiziell heißt. Zuvor hatten eine Gruppe von Professoren und viele Studenten "Njet" zur Würdigung Putins gesagt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Universität Hamburg hat die für den 10. September angesetzte Verleihung der Ehrendoktorwürde an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin abgesagt - mit einer abenteuerlichen Erklärung. "Die in solchen Fällen notwendigen Vorbereitungen können bis zu diesem Termin nicht mehr abgeschlossen werden", heißt es in einer vom Präsidium und dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften abgegebenen Mitteilung.

Einen neuen Termin für die Verleihung der Doktorwürde gebe es nicht, erläuterte Peter Wiegand, Sprecher der Universität, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Doktorwürde lasse sich nur innerhalb eines geeigneten Rahmenprogramms verleihen, und wann sich wieder ein solcher Rahmen ergeben wird, sei momentan nicht absehbar. "Es kann allerdings auch sein, dass sich ein geeigneter Kontext so bald nicht mehr ergibt", sagte Wiegand. Mit der Terminverschiebung sei eine neue Situation entstanden.

"Ein beschämender Vorgang"

Die Kehrtwende aus organisatorischen Gründen habe aber nichts mit den Protesten zu tun, die die geplante Verleihung an der Universität und bei Menschenrechtsgruppen entfachten. "Von unseren rund 700 Professoren haben nur rund 60 die Protestresolution unterschrieben. Das ist eine Minderheit."

Konnte die Universität Hamburg also nicht rechtzeitig Blumenkübel auftreiben? Fehlten Stühle für die Aula, war kein kaltes Büfett lieferbar? Peter Wiegand hat die undankbare Aufgabe, den Schlingerkurs der Hochschule öffentlich erklären zu müssen: Die Verleihung lasse sich mit dem minutiösen Zeitplan des Putin-Besuches eben nicht vereinbaren, sagte er.

Michael Greven, Politikprofessor und Initiator des Protestaufrufs, hält die von der Uni genannten Gründe für die Absage allerdings für vorgeschoben: "Das ist ein peinlicher Abschluss eines für die Universität beschämenden Vorganges." Als Vorbereitung für die Verleihung müsse vor allem eine Begründung für die Laudatio erarbeitet werden - und die habe schon zum Zeitpunkt des Vorschlages in Grundzügen festgestanden.

Greven sieht die Verschiebung der Verleihung als Erfolg der Protestaktion an. In der Erklärung der Professoren wird unter anderem der "in völkerrechtswidriger Weise geführte Tschetschenien-Krieg" sowie die Unterdrückung und Schikanierung von unabhängigen Medien und zivilgesellschaftlichen Organisationen angeprangert. Zudem habe Putin "keine herausragende wissenschaftliche Leistung" erbracht, die eine Verleihung der Ehrendoktorwürde im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften rechtfertigen würde.

Diplomatisches Desaster

Bis Dienstag unterzeichneten 67 Professoren die Petition, die Michael Greven Anfang des Sommers verfasst hatte. Auch Studenten lehnen die Putin-Ehrung (beschlossen bereits im Dezember letzten Jahres) ab. Rund 4300 angehende Wirtschaftswissenschaftler gibt es an der Universität Hamburg, immerhin knapp 1400 beteiligten sich an einer Umfrage im Internetportal des Fachbereichs. Die Befragung ist zwar nicht repräsentativ, aber das Votum fällt deutlich aus: 55 Prozent waren gegen die Ehrung, nur 19 Prozent dafür. Das restliche Viertel äußerte keine klare Meinung zum "Dr. h.c." für Putin.

Das russische Staatsoberhaupt kommt am 10. September zu Regierungskonsultationen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Hamburg. Die beiden Duzfreunde kennen und verstehen sich gut - voriges Jahr empfing Schröder in Putins Heimatstadt St. Petersburg einen Ehrendoktorhut. Im Gegenzug sollte nun Putin in der Partnerstadt Hamburg an der Reihe sein, bis der Protest der Professoren und Studenten für einen Riesenwirbel sorgten. Die russische Botschaft hatte sich stets bedeckt gehalten und lediglich verlauten lassen, man beobachte "sehr aufmerksam" die Medienberichte.

Nun ist die schöne Zeremonie geplatzt - ein kleines diplomatisches Fiasko. Die Universität Hamburg dürfte kaum ohne Rücksprache mit dem Kanzleramt, Außenministerium und Kreml abgesagt haben. Offenbar wollte man Putin lautstarke Proteste von Studenten und Menschenrechtsorganisationen nicht zumuten.

Von Jan Friedmann und Jochen Leffers

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