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Sie wurde 101 Jahre alt. Und sie erzählte vom Krieg. Immer wieder.

Viele Menschen, die den Krieg erlebten, schwiegen. Sie nicht. Vielleicht, weil sie wusste, dass Reden hilft. Ihre Enkelin sagt, sie glaubt, sie habe noch etwas anderes gewollt. Dass Menschen verstehen, wie es sich anfühlt. Damit sich so etwas nicht wiederholt.

Sie war ein fröhlicher, empathischer, liebevoller Mensch. Und sie ließ all das Schreckliche, das ihr widerfahren ist, nie bestimmen, wie sie handelte.

Eine ihrer Geschichten begann mit Zahnschmerzen. Plombenmaterial gab es nicht. Der Zahnarzt zog ihr zwei Zähne. Ohne Betäubung. Danach kam ein Bombenangriff. Es fuhren keine Züge mehr. Also lief sie. Durch die brennenden Straßen der Stadt. Rund zwanzig Kilometer bis nach Hause. Sie erzählte das nie klagend. Es war einfach so.

Sie lernte ihren Mann kennen. Er war Ingenieur, verwundet aus dem Krieg zurückgekehrt, dann als unabkömmlich eingestuft. Sie heirateten, sie wurde schwanger. Sie fühlten sich sicher. Bis er aufgefordert wurde, in die Partei einzutreten. Er war gegen die N@tis, weigerte sich. Und wurde wieder an die Front geschickt. Er starb Ende April 1945 in den letzten Kriegstagen. Sie blieb ihrem Mann, ihrer großen Liebe, ein Leben lang treu.

Die ersten Jahre waren schwer. "Adenauer war nicht gut zu uns Kriegswitwen", sagte sie oft. Es machte alles noch mühsamer. Sie musste arbeiten, sie brauchte Kinderbetreuung. Ihre Schwester half. Gegen Bezahlung. Eine Mark am Tag. Ihr Kind spürte dort, dass es als Kriegswaise weniger wert war. Wenn sie backte, gab die Schwester ihren eigenen Kindern Nüsse zum Naschen, ihrem Kind demonstrativ nicht. Sie fand eine andere Betreuung für ihr Kind.

Als sie einmal ihrem Kind ein Eis kaufte, ein Luxus für sie, sagte eine Cousine, deren Mann wiedergekommen war, "den Kindern ohne Vater geht es besser als den Kindern mit Vater. Das ist ungerecht".

Kriegswitwe zu sein war ein Makel. Arbeiten zu gehen war ein Makel. Ein Kind ohne Vater großzuziehen auch. Egal, was sie tat, sie konnte es niemandem recht machen. Also tat sie, was sie für richtig hielt.

1949 erfuhr sie, dass ihr Mann gefallen war. Zuvor galt er als vermisst. Sie saß tagelang auf einem Stuhl und starrte in eine Ecke. Dann stand sie auf und machte weiter.

Sie zog ihr Kind groß. Sie unterstützte. Sie half bei der Betreuung ihrer Enkelkinder und sogar der Urenkel. Sie war ein Sonnenschein. Ein Mensch, der liebevolle Wärme ausstrahlte.

Sie erzählte ihre Geschichten nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern um weiterzugeben, was Krieg wirklich bedeutet. Und wie viel Kraft es braucht, danach menschlich zu bleiben.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind natürlich auch möglich.

©️ Patricia Rind

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Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben

Jan 12
at
7:25 AM

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