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Vor einigen Jahren habe ich sie in einer Klinik kennengelernt. Wir teilten uns ein Zimmer. Ihr Mann war kurz zuvor gestorben. Damals erzählte sie mir bereits Teile ihres beeindruckenden Lebens.

Vor einiger Zeit meldete sie sich bei mir. Weil sie vorsorgen wollte. Ihre Tochter lebt mit ihrer Familie weit entfernt, und sie wollte ihr eines Tages nichts hinterlassen, was schwer zu tragen wäre. Zu dieser Ordnung gehörte auch eine Trauerredenvorsorge. Also haben wir uns wiedergesehen. Und diesmal habe ich ihre Geschichte vollständig gehört. Und aufschreiben dürfen.

Sie ist ein Kriegskind. Der Vater kam schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück. Heute würden wir das PTBS nennen. Damals gab es keinen Begriff dafür. Es gab Gewalt, Angst und Schweigen. Einen älteren Bruder, später eine viel jüngere Schwester, eine hilflose Mutter. Man sprach nicht darüber. So war diese Zeit.

Sie wollte Krankenschwester werden. Das war ihr Traum.

Der Vater verbot es. Sie sollte arbeiten gehen, Geld verdienen, keine Ausbildung, kein eigener Weg. Sie war minderjährig, also tat sie, was von ihr verlangt wurde. Und erzählte mir dann mit leuchtenden Augen, wie sie an ihrem 21. Geburtstag nach der Arbeit direkt ins Krankenhaus ging und sich in der Schwesternschule einschrieb.

Das war ihr Weg in die Freiheit. Denn im Schwesternwohnheim konnte sie wohnen. Weg von der Gewalt. Weg von der Kontrolle. Hin zu ihrem Traumberuf.

Sie machte ihre Ausbildung. Arbeitete sich hoch. Wurde OP-Schwester. Oberschwester. Leitete eine Station.

Das alles in einer Zeit, in der Ehemänner bestimmten, ob "ihre" Frauen arbeiten durften, ob sie ein eigenes Bankkonto führen durften. Sie liebte ihren Beruf. Ihre Unabhängigkeit. Und sie wusste sehr genau, was sie nicht wollte.

Die Ehe ihrer Eltern hatte sie geprägt. Sie hatte nie vor zu heiraten. Dann lernte sie ihren Mann kennen. Sie heiratete ihn erst, als sie sicher war, dass er weder ihren Beruf noch ihre Selbstständigkeit antasten würde. Sie war über 30, damals eine späte Ehe. Sie bekamen eine Tochter. Sie arbeitete Vollzeit weiter, mit seiner vollen Unterstützung.

Sie ist eine dieser Frauen, deren Stärke bestimmt, freundlich und klar ist. In der Klinik konnte man das sehen. In der Art, wie sie mit dem Pflegepersonal sprach. Respektvoll. Auf Augenhöhe. Die leitende Oberschwester war immer noch da.

Dass sie alles geregelt hat, passt zu ihr. Die Fürsorge. Damit ihre Tochter später Raum hat für Trauer. Und nicht Kraft für Organisation aufbringen muss.

Kriegskinder tragen viel. Manche ein Leben lang. Und manche von ihnen sorgen bis zuletzt dafür, dass andere es leichter haben.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind natürlich auch möglich.

©️ Patricia Rind

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Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 16
at
7:22 AM

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