The app for independent voices

Manche Lebensgeschichten zeigen sich erst im Rückblick in ihrer ganzen Tiefe. Nicht, weil sie verborgen waren, sondern weil sie über Jahrzehnte einfach gelebt wurden.

Sie war ein Kriegskind aus Schlesien. Ein Flüchtlingskind. Eisiger Treck nach Westen mit der Mutter und drei Geschwistern. Mit dem, was sie tragen konnten.

Als sie ankamen wurden sie bei einem Bauern einquartiert. Ein Alltag voller Demütigung und Mangel. Zuerst sollten sie im Stall schlafen, im Mist, zwischen Kühen und Schweinen. Die Mutter wehrte sich, und so kamen sie in den Waschkeller. Ein feuchter, dunkler Raum mit kaltem Steinboden, ohne Strom, nur eine Kerosinlampe. Sie schliefen auf Strohsäcken direkt auf dem Boden. Wenn Waschtag war, mussten sie alles hinausbringen. Regnete es, wurde alles nass. Das Stroh begann zu schimmeln, irgendwann kam Ungeziefer dazu.

Die Bauersfrau nannte sie Lauspack. Ihre Kinder erzählten, wie die Mutter den Kindern und sich selbst die Haare mit Lampenöl einrieb, aus Angst vor Läusen. Sie erzählte von der Angst, die Haare geschoren zu bekommen. Ständiger Hunger, obwohl es auf dem Hof genug zu essen gab. Sie wurden beschimpft, klein gemacht, nicht als Menschen gesehen, sondern als Last.

Als der Vater 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, konnten sie den Hof verlassen. Der Vater fand Arbeit. Es kehrte so etwas wie Boden unter die Füße zurück. Sie hätte gern eine Ausbildung gemacht, doch dafür war kein Raum. Geld wurde gebraucht, der Alltag musste getragen werden.

Mit 19 lernte sie ihren späteren Mann kennen. Er war 23 Jahre älter als sie, nur zwei Jahre jünger als ihr eigener Vater. Als sie schwanger wurde, heirateten sie. Sie war 20.

Sie bekam vier Kinder. Die Gesundheit ihres Mannes war durch den Krieg stark angeschlagen. Vieles lastete auf ihr. Sie ging putzen. Erledigte alles mit dem Fahrrad. Auch den Einkauf. Einen Führerschein durfte sie nie machen, auch nicht, als in den 60er Jahren ein Auto angeschafft wurde. Als ihr Mann starb, war sie Anfang vierzig, das jüngste Kind fünfzehn. Auch das trug sie.

Ihre Kinder erzählen von einer Mutter, für die Ordnung und Versorgung wichtig waren, nicht aus Strenge, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Sicherheit zu schaffen. Zuhause war es blitzeblank sauber, das Essen verlässlich. Und bis zu ihrem Lebensende konnte sie kein Essen wegwerfen. Besonders kein Brot. Alles wurde weiterverwendet, weil Wegwerfen für sie unmöglich war.

Krieg endet nicht mit dem letzten Schuss. Menschen leben weiter. Aber das, was sie in diesen frühen Jahren gelernt haben, bleibt. In Gesten. In Haltungen. In einem Umgang mit dem Leben, das diese Wunden trägt.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind auch möglich.

©️ Patricia Rind

_________

Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 23
at
7:04 AM

Log in or sign up

Join the most interesting and insightful discussions.