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Vor einiger Zeit hielt ich eine Trauerrede. Nach der Trauerfeier kam eine ältere Frau auf mich zu. Sie sagte mir, wie tröstlich sie meine Worte empfunden hatte, und fragte nach meiner Karte. Einige Tage später rief sie mich an. Und fragte mich, ob ich bereit wäre, eine Trauerrede in einer sehr ungewöhnlichen Situation zu halten.

Ihre Mutter war schon lange tot. Das Grab sollte bald aufgelöst werden. Eine Verlängerung kam für sie nicht infrage. Die Grabpflege war zu viel geworden, auch gesundheitlich. Aber es ging ihr nicht um das Grab. Es ging um ihre Mutter. Und um etwas, das bis heute offen geblieben war.

Ihre Mutter hatte im Krieg Schlimmes erlebt. Alles verloren, auf der Flucht vergewaltigt worden, Flüchtling im Lager. Bomben, Terror, Angst. Über dieses Leid war sie nie hinweggekommen. Sie litt unter Depressionen, Panikattacken und tiefen Ängsten. Damals verstand man das nicht. Es wurde nicht eingeordnet, nicht begleitet, oft nicht einmal benannt. Der Vater war überfordert, gefangen in seinen eigenen Verletzungen. Die Familie funktionierte irgendwie weiter.

Die Mutter beging mit Ende Vierzig Suizid. Vor vielen Jahren. Der Vater starb später. Er wurde im selben Grab beigesetzt. Die damalige Trauerfeier der Mutter ist für die Tochter bis heute traumatisch. Der Geistliche sprach von Sünde und Verdammung. Der Suizid wurde verurteilt. Als Schande dargestellt. Als schweres moralisches Versagen. Danach wurde er zum Elefant im Raum, über den niemand sprechen durfte. Auch nicht in der Familie. Auch nicht mit dem Vater.

Vor einiger Zeit suchte sich die Tochter therapeutische Unterstützung. Und als Teil dieses Weges empfahl ihr der Therapeut, diese traumatische Erfahrung nicht einfach stehen zu lassen. Sondern ihr etwas entgegenzusetzen. Eine andere Trauerrede. Eine, die nicht richtet. Eine, die tröstet. Eine, die das Leben der Mutter sieht, ohne das Leid zu leugnen.

Sie hatte durch meine Rede den Eindruck, dass ich ihr dabei helfen könnte. Also trafen wir uns. Wir führten ein langes, sehr intensives Gespräch. Und ich hielt schließlich eine Trauerrede am Grab ihrer Eltern. Nur ein kleiner Kreis war dabei. Familie. Einige Freunde. Ein tröstendes Abschiedsritual. Und viel Raum.

Nach der Rede kam sie zu mir. Nahm mich in den Arm. Und sagte einen Satz, den ich nicht vergessen werde: "Jetzt kann ich meine Mutter ruhigen Gewissens gehen lassen".

Manche Kriegsgeschichten enden nicht mit dem Tod. Sie wirken weiter. Über Generationen. Und manchmal braucht es Jahrzehnte, bis ein Mensch die Worte findet, die damals gefehlt haben.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind natürlich auch möglich.

©️ Patricia Rind

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Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 26
at
7:16 AM

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