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Es war eine schwierige Trauerrede. Nicht, weil mir die Worte fehlten, sondern weil dieses Leben von so vielen Brüchen geprägt war, dass es nur behutsam erzählt werden konnte.

Sie war ein Kriegskind. Ihr Vater vermisst. Ende der 50er Jahre lernte ihre Mutter einen Witwer mit drei Söhnen kennen. Als sie 1959 mit 42 Jahren ungewollt schwanger wurde, musste geheiratet werden. Der vermisste Vater wurde für tot erklärt. Diese Situation galt als Schande, anders ging das damals nicht.

Sie war 16, als sich alles veränderte. In der neuen Familie war sie unerwünscht. Selbst ihr Fahrrad nahm man ihr weg und gab es dem Stiefbruder. Sie begann eine Ausbildung und wohnte zur Untermiete bei einer Kriegswitwe und deren Sohn, 19 Jahre alt. Sie verliebten sich. Sie wurde schwanger. Wieder musste alles schnell gehen. Nachbarn drohten mit einer Anzeige wegen des Kupplungsparagraphen. Es kam zu einer Heirat. Die Ausbildung musste sie abbrechen.

Sie verlor das Kind im 6. Monat. Selbst dafür fand die Umgebung harte Worte. Man sagte, das sei die Strafe für die uneheliche Schwangerschaft. Es folgten weitere Kinder, das nächste, als sie gerade 19 war. Die Ehe war unglücklich. Viel Streit, zwei sehr junge, vollkommen überforderte Menschen. Psychisch fand sie nie wirklich Halt. Der vermisste Vater, die zweite Ehe der Mutter, die ungewollte Schwangerschaft, die erzwungene Heirat, all das hinterließ dauerhafte Spuren.

Sie arbeitete ihr Leben lang als ungelernte Kraft, viele Jahre in einer Reinigung und Wäscherei, bis zur Rente. Mit Kolleginnen kam es immer wieder zu Konflikten. Die Ehe wurde geschieden. Das Verhältnis zu ihren Kindern war zerrüttet. Sie lebte zurückgezogen, einsam, im Streit mit der Welt und mit sich selbst.

Am Ende kam eine Unsicherheit hinzu, die alles noch schwerer machte. Es stand ein Suizid im Raum, ebenso die Möglichkeit eines Medikamentenunfalls. Diese Ungewissheit blieb.

In dieser Rede ging es nicht darum, etwas zu glätten oder zu erklären. Es ging darum, ein Leben einzuordnen. Der Krieg war immer da. In der Leerstelle des vermissten Vaters. In den Entscheidungen der Erwachsenen. In den Zwängen der Zeit. In der Härte, die weitergegeben wurde, oft ohne dass jemand es wollte. Sie und ihre Familie trugen seine Folgen ein Leben lang.

Der Kupplungsparagraph stellte bis 1969 unter Strafe, unverheirateten Paaren bewusst Gelegenheit zu sexuellen Beziehungen zu geben, etwa durch gemeinsames Wohnen. Vermieterinnen oder Vermieter konnten angezeigt werden, wenn sie ein junges Paar zusammen wohnen ließen. Das führte oft zu Zwangsheiraten aus Angst vor Anzeige und gesellschaftlicher Ächtung.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind auch möglich.

©️ Patricia Rind

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Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 30
at
7:15 AM

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