Habe gerade Babel von Rebecca F. Kuang gelesen und bin begeistert.
Dies Buch liest sich anfangs fast wie ein Harry Potter-Buch, aber für Erwachsene. Ein junger Mann kommt um 1830 ans Babel-Übersetzungsinstitut in Oxford und wir erleben, wie er erwachsen wird. Robin Swift, der sich seinen eigenen Nachnamen aussuchen durfte und von Oliver Swift inspirieren liess, ist aber aus China, was fürs Übersetzen in Babel und fürs britische Empire wichtig ist. Denn Silber mit Übersetzungswörtern aus verschiedenen Sprachen entfacht Magie, was in der Welt von Babel die Vorherrschaft des britischen Empire befeuert. Trotzdem wird Robin nicht als vollwertiger Mensch behandelt, denn er ist ja ein aus Sicht der Briten rückständiger Chinese, und sein Wert bemisst sich demzufolge allein an seiner Kenntnis von Mandarin und Kantonesisch.
Und so zeigt dieses Buch die Zeit um 1835 aus Sicht von Menschen, die in jeder Form, aber vor allem kolonial, unterdrückt werden. Die Parallelen zu heute sind Unterdrückung wegen Hautfarbe, Herkunft in anderen Ländern, Abschaffung von Arbeitskräften durch Automatisierung, Einstufung von Frauen als nicht vollwertig und Intersektionalität, wenn jemand mehrere dieser Diskriminierungsmerkmale in sich vereint.
Wusstet ihr, dass die Briten den Chinesen Handelsware liefern wollten um 1830, dass aber die Chinesen nichts haben wollten von den Briten, weil ihre Kultur so anders war? Dass darauf die Briten im Namen des Freihandels drauf pochten, den Chinesen Opium liefern zu können (das bei ihnen zuhause verboten war) und dass China das partout nicht wollte, und so die Opiumkriege entstanden? Die verzeiht uns China bis heute nicht, und seit ich nun weiß, was da ablief, kann ich das nachvollziehen.
Und es ist aktuell: Donald Trump rechtfertigt den völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela, weil Maduro Chef eines drogenexportierenden Landes sei, unbeliebt beim eigenen Volk und nicht mal richtig gewählt. Dabei treffen diese Kriterien exakt auf den englischen König William oder die Königin Viktoria zu: Chef eines drogenexportierenden Landes, unbeliebt beim eigenen Volk und gar nicht gewählt.
Ich finde die Idee wunderbar, um über Kolonialismus und Diskriminierung zu reden. Die moderne Sicht auf eine Vergangenheit finde ich ziemlich interessant: Ludditen werden erwähnt, aber man sieht, wie mies ihre Situation war und wie leicht es sich die Silberwerker in Babel machen, die Nöte der betroffenen, wegrationalisierten Arbeiter zu ignorieren, ja sogar denen die Schuld an ihrer misslichen Lage zu geben. Oder wie mit Frauen umgegangen wird. Oder dass Robin nur Wert hat als jemand, der eine "exotische" Sprache spricht, nicht als Mensch - denn da schon gar nicht, ist ja aus einer unterlegenen Gruppe Halb-Menschen, die ohnehin nicht zivilisiert sein können, quasi, so die Sicht der Briten um 1830.
Dazu kommt natürlich, dass RF Kuang Sprache liebt und fleissig liest. Und so erfahren wir viel über Wortpaare in verschiedenen Sprachen, über Übersetzen, über Etymologie und alte Schriften in den verschiedensten Sprache.
Ein intelligentes Buch für Leute, die Sprache lieben und sich für Geschichte interessieren. Sehr gut lesbar, sehr schön. Ein Meisterwerk, finde ich.