Ivan Illich — H2O and the Waters of Forgetfulness — II
“The imagination is not — as its etymology might suggest — the faculty of forming one’s images of reality. It is, rather, the faculty of forming images of the invisible; it is the faculty that ‘sings reality.’” (p. 11)
Man kann das lesen, irgendwie schön finden und liken. Heutzutage. Illich schrieb es aber in den 80ern, da gab es kein liken. Da musste man stattdessen noch drüber nachdenken, was er denn eigentlich meinen könnte.
Ich denke, Illich haut hier keine schwammig-romantisierende Pseudo-Definition raus, sondern meint jedes Wort ernst und hat es sich sehr genau überlegt. Das fängt schon damit an, dass Illich bewusst ist, was das Wort Realität bedeutet und woher es kommt, und welche Erblast es mit sich trägt.
Realität ist eine Wortneuschöpfung aus dem (Überraschung!) 12./13. Jahrhundert. Es abstrahiert von Res, der Sache. Aber die Sache ist eigentlich das, was einen angeht. Für den Bauern ist seine Res das, was seinen Hof ausmacht: Der Boden, das Vieh, das Wetter. Das geht ihn an. Es ist kein bisschen Abstrakt.
Realität ist die Abstrahierung von der Sache. Die Sachheit. So wie die Wärme (als physikalisches Konzept) eine Abstraktion von der Empfindung dies-ist-warm ist. Realität ist also ein Begriff, der die Erblast mit sich trägt, gerade nicht beim Realen, sondern bei der Abstraktheit anzusetzen.
Das ist zumindest Illichs Position. Er würde sagen: Im Deutschen bevorzugen wir zu Recht das Wort Wirklichkeit. Das ist zwar auch eine Abstraktion, aber immerhin eine, die das lebendige des WIRKENS noch beinhaltet. Realität hingegen ist ein toter Begriff, der als Machtinstrument gebraucht wird.
Ich vermute, darauf will Illich mit den zitierten Sätzen hinaus. Wenn er Imagination bedeuten lassen will, Bilder für das Unsichtbare zu finden und dann direkt sagt, dass sie die “Realität ersingt”, dann gelingen ihm gleich drei Dinge auf einmal:
Erstens impliziert er, dass Realität genau dieses Unsichtbare ist, das von der Imagination ersungen wird; zweitens stellt er durch die Kollokation “sings reality” auf metaphorisch-poetische Weise den toten Begriff wieder in einen lebendigen Zusammenhang. Er behauptet, dass diese metaphorisch-poetische Weise zu reden, echten Mehrwert bedeutet. Er sagt nicht “sings reality”, weil es besser klingt, sondern weil es näher an der Wahrheit dessen ist, was er sagen will. Und darum können wir spüren, finde ich, dass wenn Illich sagt, dass “the imagination ‘sings reality’” er die Anführungszeichen eigentlich weglassen könnte, oder dass diese zumindest nicht die Unwirklichkeits-Funktion haben (as in “Laser”, Austin Powers!), sondern schlicht die Bedeutung des Gesagten vertiefen sollen.
Interessanterweise kann man daraus schlussfolgern, dass Illich mit imagination nicht so etwas wie fantasy meint (Einbildung), sondern — das ist jetzt Spekulation — relativ nahe an dem dran ist, was Rudolf Steiner meint, wenn er Imagination sagt.
Zudem sollten wir betonen, dass Singen ein zugleich physischer wie auch metaphyischer, fast mystischer Vorgang ist. Singen ist vollständig inkarniert: es braucht Atem, es braucht Klangkörper, es ist physikalische Vibration im Raum. Aber der Gesang transzendiert seine Physikalität. Er hat Bedeutung. Er klingt. Er hat Qualia. Er ist zugleich im Menschen und außerhalb. Illich wird all das äußerst bewusst gewesen sein.
Und darum ist bei Illich die Wahl der Zusammensetzung “imagination sings reality” der Versuch, etwas äußerst exakt auszudrücken, nicht der Versuch zu vernebeln. Und wenn Illich im übernächsten Satz dann schreibt: “Its wellspring is dreams”, dann meint er wieder etwas Exaktes. Aber dazu dann vielleicht in der nächsten Note :)