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Viele Menschen sagen, dass Antony Scaramucci die schönste Nase der Welt hat. Viele sagen auch, dass da wohl ein Schönheitschirurg nachgeholfen haben muss. Letzteres bestreitet Herr Scaramucci, nicht aber, dass seine Nase von außergewöhnlicher Eleganz sei. Und auch nicht, dass sie ihm sehr gute Dienste leistet. Scaramucci hat ein Näschen dafür, woher der Wind weht.

Er setzte erst auf Obama, dann auf Trump (dessen PR-Fuzzi er für ein paar Tage war), dann auf Joe Biden. Nur von Trump II wollte er nichts mehr wissen. Vielleicht, weil er noch so etwas wie ein Restrückgrat hat. Oder auch – darauf würde ich tippen – weil er glaubt, dass sich diese Art von, naja, Haltung irgendwann bezahlt machen könnte. Er macht jetzt irgendwas mit Hedgefonds und ist stinkreich.

Scaramucci ist sicher niemand, dem man ein gebrauchtes Auto abkaufen sollte. Aber er ist ein unterhaltsamer Gesprächspartner, auch weil er als Trump-Gegner immer noch exzellente Kontakte zu republikanischen Abgeordneten hat. Viele von ihnen, erzählt er, würden regelmäßig zu ihm schnorren kommen. Und dann würden sie ihm erzählen, wie sehr sie Trump verachten und dass ihn irgendwann stoppen würden, bevor er aus den USA eine Diktatur macht. Weil sie ihn für einen Verrückten halten, der nicht weiß, was er tut.

Scaramucci sagt: Es ist wahrscheinlich, dass es ein paar von denen auch wirklich ernst meinen. Und ja, er ist keine vertrauensvolle Quelle. Aber auch die wenig vertrauensvollen Quellen aus dem Umkreis rechtspopulistischer Bewegungen bauen ihre Argumentation in der Regel auf einem gewissen Tatsachensubstrat auf. Erst vor ein paar Tagen wurde eine Resolution des US-Senats gegen Trumps Vorgehen in Venezuela nur abgewendet, weil Vize JD Vance seine Stimme in die Waagschale warf. Das war sauknapp, der Rückhalt für Trump in den eigenen Reihen bröckelt. Für die Annexion Grönlands würde es eine rote Karte geben.

Scaramucci erzählt auch von einem erbitterten Machtkampf zwischen Trumps Kronsöhnen Vance und Marco Rubio. Und dass beide innerhalb der republikanischen Partei (wie auch in der Bevölkerung) gleichermaßen verhasst seien.

Und er hat eine interessante Theorie: Dem 79-jährigen, gesundheitlich bereits gezeichneten Trump gehe es nicht einmal ansatzweise um die Zeit nach ihm. Er wünsche seinem Nachfolger auch keinen Erfolg, ganz im Gegenteil: Nichts soll die Erinnerung an Trump überstrahlen.

Genau dieses Mindset ist schon so manchem Autokraten um die Ohren geflogen. Noch profitiert Trump von der Schwäche der Gegenseite, aber auch die Demokraten rüsten langsam wieder auf. Und im MAGA-Universum sind viele kleinere und größere Bomben versteckt, die das Gebilde irgendwann von innen her zum Einsturz bringen könnten. Die ersten kleineren Explosionen gab es bereits, die Risse sind mit freiem Auge zu beobachten.

Wenn die Führerinnen und Führer des freien Europas klug wären, würden sie sich weniger darauf kaprizieren, den Irren im Weißen Haus irgendwie zu besänftigen, indem sie sich vor ihm in den Staub werfen. Was übrigens auch innenpolitisch eine blöde Idee ist, wie das Beispiel von Mette Frederiksen zeigt, die wohl demnächst deshalb abgewählt wird. Wie man es richtig macht, hat Kanadas Mark Carney gezeigt, der einen unglaublichen Rückstand bei den Wahlen aufholen konnte, weil gegenüber Trump klare Kante gezeigt hat.

Sondern sie würden sich langsam Gedanken machen, wie man einen Regimechance in den USA herbeiführen könnte, indem man gezielt jene Kräfte unterstützt, die Trump gefährlich werden könnten. Indem sie ihn als Vertreter der Staatengemeinschaft mit dem zweitgrößten BIP der Welt (und einem Exportschlager namens Demokratie) dort treffen, wo sie ihm wirklich wehtun können. Dann würden sie die Machtfrage stellen und den Anspruch formulieren, zur Weltmacht zu werden.

Angenehmer Nebeneffekt: Wenn sie das hinbekommen, werden die Umfragewerte der Rechtsextremen und Rechtspopulisten dahinschmelzen wie das Eis in der Arktis. Die Leute hier wollen nämlich keine Statthalter von Trumps oder Putins Gnaden. Sie wollen Führung.

Jan 17
at
12:56 PM

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