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Lieber Vektor, Danke für diese unverhofft schnelle und außerordentlich ausführliche Reaktion.

Ich unterscheide zunächst Lachen, als Ausdruck und Humor als Gefühl bzw. Teil des Charakters und der menschlichen Seele.

Lachen kann vom Herzen kommen und es ist ein Segen, gemeinsam zu lachen, herzlich sich zu amüsieren. Wohl ist Lachen aber auch einfach bloß ein Wort, dessen Betonung vom gemeinen Fluch, üblem sadistischen Spott und gemeiner Häme, liebevoller Aufmunterung, sportlicher Herausforderung bis zu feierlichem Triumph oder schüchternen Kichern reicht. Lachen ist eine internationale lautmalerische Körpersprache, die Menschen angeboren ist, und die geschult und entwickelt werden kann ohne erlernt werden zu müssen.

Humor hingegen, kommt auch ohne Lachen aus. Humor ist rein zwischenmenschlich. Es ist die Fähigkeit, sich zu amüsieren und umfasst auch die Fähigkeit, andere Menschen zu amüsieren. Humor kann vollkommen selbstlos sein, einfachstes, liebstes Glück. Doch Humor ist eine scharfe Klinge. So einfach wie sie mühelos und spielend sämtliche Barrieren überwindet und bis tief ins Innere dringt, so tödlich kann er sein. Im Gegensatz zur Grausamkeit, überschreibt Humor die natürliche Empathie und spricht direkt emotionale Affekte an. Daher ist Humor ein wahrer Generalschlüssel und Alleskönner.

Humor hält Kritik vom Leib. Er macht andere Mundtot. Er signalisiert Grenzen, er testet unbekanntes Terrain. Humor ist alles, was als Wut, Trauer oder Zuneigung riskant wäre. Humor hält immer die Hintertür offen. Vorne ist er offensiv und hinten stets zur Flucht bereit. Dort darf gespielt und entdeckt werden, im Humor ist man frei, wo man es sonst nicht sein dürfte. Sie ist die schmale Barriere, das Sicherungsseil und die Tauchleine: Der Humor lässt uns erkunden und erfahren und miteinander spielen. Die einzige Regel die er anerkennen muss: Keine Ernsthaftigkeit. Keine Eindeutigkeit. Keine Endgültigkeit. Der Clown darf Alles, der Narr kann wirklich alles und jeder sein. Aber nicht der Anführer, nicht Gott, nicht Partner. Denn der Narr ist niemandem treu. Humor braucht die absolute Freiheit.

Genau das macht ihn so mächtig und wichtig. Er ist die reflektierende und die herausfordernde Instanz. Humor macht alles gleich wertvoll und gleich wertlos. Humor kann und darf alles. Er verzerrt, vler vergleicht, er verleugnet, er widerspricht sich, er hat Recht, er übernimmt keine Verantwortung. Er degradiert alle zu Witzfiguren und alle haben Spaß. Humor bestimmt wer den Preis zu zahlen hat.

Witze schaffen Distanz. Witzen verachten ohne Bosheit. Witze begehren ohne Lust. Sie erniedrigen ohne Gewalt. Sie sind die Aufblasfiguren der Rethorik. Sie sind die ultimative Fassade, die perfekte (An-) Täuschung. Es gibt keine Möglichkeit sich gegen Humor zu wehren, er entwaffnet. Wenn Humor sein Ziel erreicht? Wunderbar. Dann war es kein Witz. Falls er verliert, in die Ecke gedrängt wird oder verletzt? Egal. War ja nur ein Witz.

"Stell dich nicht so an". "Tut mir Leid, war nur ein Scherz". "Der Dummkopf/Wüterich versteht keinen Spaß". Stets ist die Fluchtroute perfekt gepflastert, wer Witzelnd sich einbringt.

Gegen den Humor hilft nur Flucht. Oder Konfrontation. Daher ist Humor der ultimative Zwang. Wer die Themen setzt, wer sich durchsetzt, worüber gelacht wird, oder auch nicht, der reißt damit das fundamentalste soziale Kraftverhältnis an sich, der geht an die Substanz, der erzwingt die Positionierung. Wer über diese Grenze frei verfügt, der schiebt damit die Grenze zwischen "harmloser, herrlicher Fröhlichkeit" und "existenzvernichtendem Spott und Schutz" umher wie Schieberegler.

Wo der Witz nicht halt macht, ist die Achtung fort. Er schneidet, wo sonst nichts anderes schneidet. Der Witz zwingt: Lach mit mir, oder kämpf mit mir. Oder verschwinde von hier. Der mit Humor angegangene muss wählen: Anschluss, mitlachen? Ausschluss, schweigen? Oder Konfrontation, das ist nicht lustig?

Nur die Konfrontation wird dem Witzemacher gefährlich: Hier ist er es, der gespiegelt und in Frage gestellt wird. Er muss erwidern. Bleibt er dabei? Dann muss er seinen Humor behaupten. Entschuldigt er sich, rudert zurück, passt sich an? Dann war der Witz auf seine Kosten. Oder geht er an die Substanz: Ja, das war sehr lustig. Was willst du tun, wenn ich weiterlache?

An kaum einer anderen Stelle ist die Menschlichkeit so dünn. Ein einziges: "Wie bitte? Was hast du gerade zu mir gesagt?" und einer bleibt liegen. Wo Humor sich zu weit hinauswagt, und dieses Risiko hat er überall, wo er zu kühn wird, ist er die letzte Kontaktlinie.

Gemeinsam lachen ist toll. Doch über etwas lachen, ist auch in die andere Richtung mächtig. Ausdruck tiefster Missachtung. Höchsten Sadismus. Arrogantester Geringschätzung. Ein ehrliches Lachen an der "falschen Stelle" ist schärfer als jede Beleidigung. Wie könnte man tiefer verachten, als wenn tiefes Leid, jemanden wahrhaft unterhält und belustigt? So nieder und tief ist nichts anderes. In beiden Richtungen scharf.

Und das macht Humor so mächtig. Er ist simpel. Er braucht bloß ein Lachen, ein Grinsen als Kapuze. Ein kleines Kichern. Ein Schmunzeln. Armin Laschet besuchte das überflutete Ahrtal und war politisch vernichtet. Wer in so einer Situation lacht, ist ein Empathieloser Wicht. Er wurde aufgenommen, er vergaß die Kameras. Vielleicht war er der einzig optimistische vor Ort. Vielleicht war er ganz woanders in Gedanken. Er war erledigt. Alle hatten die sich von ihren Agenten und Sekretären schnell neue Gummistiefel besorgen lassen und sich vor der Presse inszeniert.

Die PR-Wirkung war ein ausgelassenes Lachen außerhalb der Interviews.

Wer entscheidet was lustig ist und was nicht, wer den Humor deutet, wer die Hoheit über Ernst und Witz hat, der hat alle anderen in der Hand. Denn der Witz ist das Mittel der Kritiker. Im privaten Rahmen ist er eine kleine harmlose zwischenmenschliche Komponente.

In der Öffentlichkeit ist der Humor alles. Wer entscheidet was nicht lustig ist, entscheidet über das innerste Empfinden und den äußersten Ausdruck. Das kann nur Humor. Wo der Humor die Lücken lässt, darf sich der Ernst häuslich einrichten. Ein kleiner Witz reicht: Dein Anliegen ist hinfällig. Dein Wissen auf dem Müll entsorgt. Deine Reputation hinfällig. Dein Verbrechen unsichtbar gemacht. Deine Schande reingewaschen. Der Humor heiligt. Der Humor schändet. Der Humor ist der tiefste innerste Ausdruck.

Popoesie ist fürn Arsch. Nett, aber nutzlos. Ungefährlich, unbedeutend.

Deswegen sind Pädagogen solche Spaßvögel. Immer einen Spruch auf den Lippen. Denn Autorität ausstrahlen erfordert Kraft, Reifen, Demut. Humor ist billig, wenn er gut gespielt wird: Bloß ein bisschen lächeln, bloß ein Schmunzeln, ein paar harmlose auf meine Kappe, dafür die Freude ein paar Volltreffer mit dem Tomahawk zu landen. Wer über andere sich erhebt, wer andere zu belehren wünscht, wer gerne Macht ausübt ohne sich in Gefahr zu begeben, wer sich nie festlegt, sich alle Türen aufhält, stets eine Maske trägt, wer feige sich wegduckt und vor Obrigkeiten buckelt und gern nach unten tritt,

Für den ist Humor die Lieblingswaffe. Der Scharfschütze, der auf die schwächsten und Verletzlichsten schießt. Für diejenigen, die das Risiko verabscheuen und ihr Machtstreben hinter moralischen Plattitüden dekoriert und im Gewand des Intellektuellen und Gelehrten verleugnen, für diejenigen ist der Humor ihr Spielplatz und ihr Schlachtfeld. Dort dulden sie nur ihr eigenes Gesetz. Dort wird exekutiert und Exempel statuiert.

Und wenn mal was schief geht, war alles bloß ein Spaß. Und wer ist schon gern ein Spielverderber?

Sind Menschen nicht wirklich ein lustiges Völkchen? Unter sich sind sie Spaßvögel, die Wächter der Sitte und Moral dann auf der Hut vor den Nihilisten. Diese haben keine Verkleidung. Sie lachen, wenn Ihnen danach ist. Und dafür sind sie des Teufels. Denn so bleiben die eigenen Grenzen in Takt und wieder einer ist erfolgreich gebannt.

Wer lacht, urteilt. Wer reagiert, verliert. Wer schweigt, regiert.

Doch die Wahrheit ist nur lustig, wenn die Wirklichkeit es auch ist. Was wir toxische Positivität nennen, ist in Wahrheit die Kapitulation vor Clowns. Und das ist schon irgendwie lustig.

Kinder finden Clowns gruselig. Denn die geben nichts Preis und machen alles lächerlich. Das finden nur Erwachsene wieder lustig. Denn die haben sich an diese Grotesque gewöhnt.

Humor ist ein scharfes Schwert. Und die moderne Gesellschaft ein Haufen geköpfter Reiter. Wer von Herzen lacht und Freude hat, wird schnell einen Kopf kürzer gemacht. Denn nichts erträgt der Spötter weniger, als wenn jemand über ihm steht. Gott hat sicher keinen Humor. Er freut sich bloß. Mit wem sollte er schon Scherze machen? Echter Humor funktioniert nur unter gleichen.

Und als ich ihm gesagt habe, wir seien ein gutes Team, hat er bloß gelacht.

Jun 9
at
9:50 PM
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