The app for independent voices

Manche Geschichten werden erst ganz am Ende eines Lebens erzählt. Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil sie ein Leben lang still getragen wurden.

Die Töchter eines Mannes, für den ich die Trauerrede halten durfte, erzählten mir von einem Ereignis, das sein Leben für immer prägte. Als der Krieg im Mai 1945 endete, war er sechs Jahre alt. Er lebte mit seiner Mutter und der Oma in einem Dorf in der Pfalz. Der Jüngste von sechs Kindern. Der Vater war Soldat an der Front. Ihr Haus, ihr Zuhause, war seit Generationen im Besitz der Familie. Die Straßen waren eng, die Häuser alt, viel Fachwerk. Das Haus stand an einer Straßenecke.

Eines Tages kamen amerikanischen Soldaten ins Dorf. Zuerst ein Jeep, gefolgt von einem Panzer. Neben dem Jeep liefen zwei GIs, die Kaugummi und Schokolade an die Kinder verteilten. Für die Kinder war das ein Moment voller Aufregung und Freude. Lachen, Staunen, Süßigkeiten.

Und dann drehte der Panzer.

In dieser Drehung riss er das Haus der Familie mit. Es brach in sich zusammen. Von einer Sekunde auf die andere war es unbewohnbar. Eine Ruine.

Die Soldaten fuhren weiter. Und diese Familie stand vor den Trümmern ihres Zuhauses. An Wiederaufbau war nicht zu denken. Es fehlte an allem.

Die Kinder wurden in verschiedenen Scheunen im Dorf untergebracht. Am Anfang fühlte sich das an wie Abenteuer. Bis der Winter kam. Dann wurde es furchtbar.

Die Mutter und die Großmutter kamen bei Verwandten unter. Denen wurden sie schnell zur Last. Und dann kam im Laufe dieses Sommers die Nachricht, dass der Vater in den letzten Kriegstagen gefallen war.

Von da an war nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Es gab kein Zuhause mehr. Kein Einkommen. Die älteren Geschwister gingen auf Bauernhöfe, um zu arbeiten. Die Jungs wurden so schnell wie möglich in Lehren geschickt, wo immer es Wohnheime gab. Die Mädchen blieben auf den Bauernhöfen. Kindheit hatte keinen Raum mehr.

Es dauerte bis in die späten fünfziger Jahre, bis seine Mutter wieder eine eigene Wohnung hatte. Sehr klein. Und sie war allein. Die Oma war inzwischen gestorben.

Er selbst machte später eine Lehre als Kfz Mechaniker. Ein Betrieb mit Wohnheim. Er sprach selten von seiner Kindheit und Jugend. Erst im hohen Alter fing er an zu erzählen, sich die Last etwas von der Seele zu reden.

Diese Geschichte beschäftigt mich sehr. Der Krieg endete für viele nicht 1945. Menschen überleben Kriege. Aber oft verlieren sie etwas, das nie ganz zurückkehrt. Ein Gefühl von Sicherheit. Von Zuhause. Und oft tragen sie das still durch ein ganzes Leben.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind natürlich auch möglich.

©️ Patricia Rind

_________

Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 13
at
7:45 AM

Log in or sign up

Join the most interesting and insightful discussions.