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Er kam zu mir zur Trauerredenvorsorge.

Und er begann mit diesem Satz: "Ich war ein N€g€rl€".

Geboren 1947. Direkt nach der Geburt ins Heim. In der Stadt, aus der er kommt, waren viele Amerikaner stationiert. Über seinen Vater weiß er nur, dass er ein amerikanischer GI war. Über seine Mutter weiß er lediglich, dass sie deutsch und sehr jung gewesen sei. Ob er aus Liebe oder Gewalt entstanden ist, das weiß er nicht.

Er hat später versucht, mehr herauszufinden. Über seine Eltern. Über irgendetwas, das ihm eine Geschichte hätte geben können. Er stellte Anfragen, suchte in Akten. Erfolglos. Keine Antworten. Keine Ergänzungen. Eine bleibende Leerstelle.

Im Heim lebten noch andere Kinder wie er. Dunkelhäutige Kinder. Man nannte sie auch "brown babies“. Für diese sogenannten "Mischlingskinder" gab es eigene Heime. Sie waren separiert. Ihr Alltag war geprägt von Rassismus, von Ablehnung, von Gewalt. Auch die Versorgung war lange schlecht. Und natürlich merkten Kinder wie er sehr früh, dass sie anders gesehen wurden. Dass sie beschimpft wurden. Dass man sie für minderwertig hielt. Für dumm. Für weniger wert.

Die fünfziger Jahre in Deutschland waren für ein „N*g*rle“ aus dem Waisenhaus die Hölle.

Er hatte Glück mit der Schule. Er konnte auf die Realschule gehen. Sogar eine kaufmännische Ausbildung absolvieren. Beruflich fand er seinen Weg. Aber menschlich blieb es schwierig. Freundschaften waren selten. Nähe war kompliziert. Beziehungen erst recht. Kontakte zu "deutschen" Mädchen waren unerwünscht, wurden von den Familien unterbunden. Er erzählt das ruhig, ohne Bitterkeit. Aber die Einsamkeit ist spürbar.

Er sagt, dass er nie wirklich gelernt hat, wie man Beziehungen aufbaut und hält. Nicht aus Unfähigkeit, sondern weil ihm die Gelegenheiten gefehlt haben. Erst viel später, über die Arbeit, entstanden Freundschaften. Einige davon haben bis heute Bestand.

Er hat nie geheiratet. Er hat keine Kinder. Aber er hat ein Patenkind. Davon spricht er mit einer Wärme, die bleibt. Und genau dieses Patenkind möchte er entlasten. Deshalb hat er vorgesorgt. Alles geregelt. Klar. Umsichtig. Aus Fürsorge.

Empathische Objektivität ist wichtig für mich als Trauerrednerin und Trauerbegleiterin, um Menschen in Trauer gut zu begleiten. Es ist selten, dass ich nach einem Gespräch wirklich schlucke.

Dieses Leben ist eine Ausnahme.

Zwischen 1946 und 1959 wurden in Mannheim 539 Besatzungskinder mit afroamerikanischen Vätern ("Brown Babies") geboren, die besonders stigmatisiert wurden. Mütter wurden genötigt, die Kinder abzugeben; spezielle Heime in Mannheim nahmen sie auf. Bundesweit waren es c.a. 5000.

Ich begleite Trauernde in der Metropolregion Rhein-Neckar. Andere Regionen sind natürlich auch möglich

©️ Patricia Rind

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Ich bin Patricia Rind und schreibe über Trauer, Tod, Abschied - und das Leben.

Jan 19
at
7:19 AM

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