Zu spät
In der Pubertät habe ich meine Oma oft verbessert.
Schon dieses Verb ist eine Schande.
Sie saß in ihrem Sessel, die Hände gefaltet, und sagte einfache Sätze, und ich hielt Einfachheit für Dummheit. Ich wollte das Große, das Schwierige, das Kluge. Sie sagte etwas aus dem Leben, und ich fiel ihr ins Wort, verdrehte die Augen und tat so, als müsste ich gerade einen weiteren Satz aus einer unterlegenen Welt ertragen. Als hätte ich mit sechzehn schon mehr davon verstanden als sie. Sie sprach aus Erfahrung. Ich sprach dagegen. Mit diesem dünnen Hochmut, den junge Menschen für Geist halten.
Irgendwann hielt ich sie wirklich für dumm.
Heute ist sie tot.
Und nun kommt einer ihrer Sätze nach dem anderen zurück. Über Menschen. Über falsche Freunde. Über Geld. Über Treue. Über Maß. Nicht feierlich. Nicht als Offenbarung. Sondern an ganz gewöhnlichen Tagen. Gerade deshalb trifft es so hart.
Sie hatte recht. Viel öfter, als ich es damals ertragen konnte.
Das Bittere ist nicht einmal, dass sie recht hatte. Das Bittere ist, dass ich einen Menschen unterschätzt habe, der mir längst voraus war. Sie wusste mehr vom Leben, weil sie mehr davon getragen hatte. Ich wusste weniger und hielt mich für überlegen.
Ich kann ihr nicht mehr sagen, dass es mir leid tut.
Das ist vielleicht das Erwachsenwerden: nicht klüger zu werden, sondern endlich zu begreifen, wie dumm der eigene Hochmut war.
Seit sie tot ist, verstehe ich sie.
Und dieses Verstehen ist kein Trost.
Es ist Strafe.