Klobürste
Ich war vierzehn und hatte Haare wie ein Angriff auf die Ordnung.
Hinten lang, oben kraus, zu viele, zu dicht, zu wild.
Nicht modisch wild. Nicht lässig wild.
Einfach falsch.
Einzeln kamen die Sprüche schon länger.
Pumuckl.
Tina Turner.
Aber am liebsten riefen sie: Klobürste.
Klobürste war perfekt.
Stumpf.
Hässlich.
Sofort verständlich.
Ein Wort für viele.
Dann kam dieser Tag auf dem Schulhof.
Ich weiß nicht mehr, wer anfing.
Nur noch, wie schnell es ging.
Erst einer.
Dann mehrere.
Dann fast das ganze Gymnasium.
Klobürste.
Klobürste.
Klobürste.
Nicht gesprochen.
Gebrüllt.
Aus Gruppen.
Aus Fenstern.
Aus Gesichtern, die sonst zu feige gewesen wären für irgendetwas Eigenes und plötzlich stark wurden, weil sie nicht mehr allein waren.
Sie machten sogar Platz.
Wie bei einem Spießrutenlauf.
Links und rechts standen sie und grinsten, als hätten sie gemeinsam etwas Großes vollbracht, dabei hatten sie nur einen Jungen mit den falschen Haaren gefunden.
Meine paar Loser-Freunde waren auch da.
Sie sagten nichts.
Sie sahen nicht weg.
Sie halfen nicht.
Sie waren einfach froh, dass es diesmal mich traf.
Und ich?
Ich fühlte fast nichts.
Keine Tränen.
Keine Wut.
Keine Scham.
Nur Kälte.
Diese eisige, tote Kälte, wenn im Inneren plötzlich etwas verriegelt.
Als würde der Körper sagen: Ab jetzt gehst du allein.
Ich ging einfach weiter.
Geradeaus.
Ohne Blick nach links.
Ohne Blick nach rechts.
An diesem Tag habe ich etwas verstanden, lange bevor ich dafür Begriffe hatte:
Die meisten Menschen wollen nicht gerecht sein.
Sie wollen dabeisein.
Sie wollen nicht recht haben.
Sie wollen auf der Seite stehen, auf der gelacht wird.
Und die, die gestern noch selbst Opfer waren, machen morgen mit, sobald sie spüren, dass einer noch tiefer steht als sie.
So fängt es an.
Nicht mit Uniformen.
Nicht mit Fahnen.
Nicht mit großen Reden.
Sondern mit einem Hof voller Kinder, die Klobürste brüllen, weil einer den Mut hatte, anders auszusehen, und alle anderen den Mut nicht hatten, still zu bleiben.