Rilkes Zeitdiebe 6/X
“Wisset denn, was die Kunst ist”, schreibt der 22-jährige Rilke vielleicht etwas wichtigtuerisch im Florenzer Tagebuch, “ein Weg zur Freiheit. Wir sind alle in Ketten geboren. Der und jener vergisst seine Ketten: er lässt sie versilbern und vergolden. Wir aber wollen sie zerreißen. Nicht mit hässlicher und wilder Gewalt; herauswachsen wollen wir aus ihnen.”
Rousseau hätte sich in seinem Grabe gedreht, aber wie dem auch sei, Rilke hat — pace Rousseau — natürlich gleich doppelt recht. Und lässt (Jahre später) seinen Nikolaj Kusmitsch das Gegenteil dessen erfahren. Das Versinken in der Unfreiheit, vielleicht nicht zufällig entstanden aus einer Verwechslung von Zeit und Geld! (!!!)
Zuletzt sahen wir ihn, wie er auf den “Herrn im Pelz” wartet, um seine Zeit wieder in große Scheine zurückzuwechseln. Aber dieser “Herr” erscheint nicht. Kusmitsch ist unfähig, ihn sich vorzustellen.
“Weiß der Himmel, was aus ihm geworden war, wahrscheinlich war man seinen Betrügereien auf die Spur gekommen, und er saß nun schon irgendwo fest. Sicher hatte er nicht ihn allein ins Unglück gebracht. Solche Hochstapler arbeiten immer im großen.” (S. 144f.)
Und auch dieses Element finden wir selbstredend bei Ende und Momo wieder! Die grauen Herren arbeiten im Großen. Auf die Idee, dass es viele von ihnen geben muss, kommt Kusmitsch allerdings noch nicht.
Hat vielleicht auch DFW in Infinite Jest seine Inspirationen von Rilke geholt? Eine der ersten Szenen beginnt damit, dass ein Typ auf die Frau wartet, die sagte, dass sie kommen würde, um ihm Weed zu bringen, aber sie kommt nicht und das macht ihn total fertig…
Aber das nur am Rande. Und Kusmitsch. Was wird aus ihm, allein sitzengelassen auf seinem Sofa? Stay tuned :)