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Der letzte Tanz? Warum wir unsere Clubs gegen Kommerz, Kälte und Kürzungen verteidigen müssen – und wie wir 2025 damit anfangen

Von der Katastrophe der Loveparade bis zum Rechtsruck: Die deutsche Clubkultur steht vor ihrer größten Bewährungsprobe. Ein Aufruf zur Rückbesinnung auf das Kollektiv und ein Plan für Silvester 2025 in Berlin.

Deutschland, einst das gelobte Land des Techno und der freien Nächte, erlebt ein stilles Sterben. Es ist nicht nur das „Clubsterben“ durch steigende Mieten und Lärmschutzklagen. Es ist ein kultureller Herzinfarkt. Die Orte, die einst als Safe Spaces für alle gedacht waren, werden zerrieben – zwischen aggressivem Turbokapitalismus auf der einen Seite und einer gesellschaftlichen Kälte auf der anderen, die von Algorithmen und politischen Brandstiftern befeuert wird.

Das Trauma und der Ausverkauf

Der Bruch ist historisch datierbar. Seit der Loveparade-Katastrophe im Ruhrgebiet (Duisburg 2010) hat sich die Unschuld der Masseneuphorie verflüchtigt. Die Folge war eine notwendige, aber erdrückende Bürokratisierung. Doch während Sicherheit wichtig ist, nutzten Investoren das Vakuum.

Wo früher Idealisten in Kellern illegale Raves organisierten, herrschen heute Business-Pläne. Der „V.I.P.-Tisch“ hat den dunklen Dancefloor verdrängt. Kommerz frisst Kultur. Wenn ein Club nur noch existieren kann, indem er Getränkepreise verlangt, die Jugendliche ausschließen, verliert er seine Seele. Er wird zur reinen Dienstleistung, zum Hintergrundrauschen für Instagram-Storys.

Die Einsamkeit der algorithmischen Generation

Gleichzeitig hat sich unser Publikum verändert. Wir leben in einer Zeit der extremen Individualisierung. Die „Aufsplitterung der Interessen“ bedeutet, dass das Kollektivgefühl schwindet. Die Aufmerksamkeitsspanne, trainiert durch 15-Sekunden-TikToks und Clickbait-Überschriften, reicht kaum noch für ein vierstündiges DJ-Set, das Geduld und Eintauchen erfordert.

Statt Miteinander herrscht oft ein Nebeneinander von Darstellern. Die Jagd nach dem perfekten Bild für den Feed ersetzt den Rausch der Musik. Wer nur filmt, tanzt nicht. Wer nicht tanzt, spürt den anderen nicht.

Der Angriff von Rechts und die politische Kälte

In diese fragile Situation stoßen die Feinde der offenen Gesellschaft. Der Aufstieg der Neuen Rechten und der AfD ist Gift für die Clubkultur. Warum? Weil der Club per Definition ein Ort der Vielfalt, der Queerness und der Auflösung von Herkunft und Status ist.

Rechte Narrative von „Reinheit“ und „Tradition“ stehen im direkten Widerspruch zum Hedonismus und der Inklusion der Nacht. Hass und Hetze im Netz vergiften das Klima, noch bevor der Türsteher die erste Person einlässt.

Verschärft wird dies durch die Politik: Massive Kürzungen im Kultursektor signalisieren, dass Subkultur als „verzichtbar“ gilt. Wenn Fördergelder gestrichen werden, sterben zuerst die experimentellen, unkommerziellen Räume – genau die, die wir gegen die geistige Verengung bräuchten.

Die Rettung: Vereinsarbeit statt Profitgier

Wie brechen wir diesen Teufelskreis? Die Antwort liegt in der Rückkehr zur Basis: Vereinsarbeit.

Wir müssen Clubs wieder als gemeinnützige Kulturstätten begreifen, nicht als Wirtschaftsunternehmen. Vereine bieten Schutz vor Profitdruck. Sie ermöglichen Demokratie im Kleinen.

Hier liegt der Schlüssel für die Jugend: Statt sie dem Algorithmus zu überlassen, müssen wir Bildungsarbeit und Workshops in die Clubs holen.

  • Wie baut man eine Anlage auf? (Handwerk)

  • Wie organisiert man ein Event diskriminierungsfrei? (Soziales)

  • Wie produziert man Musik? (Kunst)

    So schaffen wir Identifikation. Wer seinen Club selbst mitgestaltet, verteidigt ihn auch.

Vision: „Reclaim the Night“ – Berlin, Silvester 2025

Wir dürfen nicht leise verschwinden. Wir brauchen ein Zeichen, laut und unübersehbar, dort wo der Puls von Techno immer am lautesten war!

Deshalb rufen wir auf zu einem zentralen Demo-Event an Silvester 2025 in Berlin an der Siegessäule rund um den Grossen Stern.

Keine kommerzielle Party, sondern eine politische Demonstration: „Bass gegen Hass – Für den Erhalt der Freiräume - We Are Berlin“.

  • Das Konzept: Eine Dawless-Live-Demo auf der Straße, verbunden mit den Clubs der Stadt.

  • Die Forderung: Anerkennung von Clubs als Kulturstätten, Stopp der Kürzungen und ein klares Kante-Zeigen gegen rechte Hetze.

  • Der Vibe: Wir holen uns das „Wir“ zurück. Keine Handys auf dem Dancefloor, dafür politische Botschaften auf den Bannern.

Wenn die Welt da draußen kälter wird, müssen wir zusammenrücken. Nicht um uns zu verstecken, sondern um das Feuer neu zu entfachen. Die Rettung der Clubkultur ist kein Luxusproblem – es ist ein Kampf um die letzten Orte, an denen wir noch wirklich Menschen sein dürfen.

Wir sehen uns auf der Straße an der Siegessäule.

31.12.2025. ab 18.00 Uhr - we are berlin - save the date

weareberlin.eu

Dec 22
at
11:59 PM

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